Das Beste kommt zum Schluss
Das Beste kommt zum Schluss.
So hört man es zumindest häufig. Beim 42 Vienna City Marathon durften wir gemeinsam die Schlussläufer sein und das Läuferfeld abschließen. Wie das so war möchte ich in den nächsten Zeilen kurz beschreiben.
Am Ende vom Start bis zum Ziel
Schlussläufer zu sein bedeutet nichts anderes als der Pacemaker für die Cut Off Zeit zu sein. Wer es in dieser Zeit nicht schafft ins Ziel zu kommen, wird leider aus dem Rennen genommen. Unser Ziel als Schlussläufer ist es natürlich so viele Athleten und Athletinnen ins Ziel zu bringen. Verletzungsfrei, angestrengt aber glücklich. Ich habe schon ein oder zwei Marathons gemacht (41 Marathons, 4 Ultramarathons). Dabei war ich meistens vorne oder im Mittelfeld. Ganz selten weit hinten. Ich hatte fast immer großen Spaß dabei. Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Beim VCM (Vienna City Marathon) war mir vorher schon klar, dass wir ganz hinten das Feld aufräumen werden und als Letzter über die Ziellinie schreiten. Dennoch habe ich mich sehr darauf gefreut und war gespannt wie das wird.
Die Stimmung war großartig und es hat schon zu Beginn sehr viel Spaß gemacht bei den Letzten zu sein. Das Wetter war kalt und wie für Wien typisch sehr windig. Also schön warm angezogen liefen wir los. Noch bevor ich über die Startlinie gelaufen war, bekam ich bereits ein kleines Bier gereicht. Das war mein erstes Highlight. Im Laufschritt über die Reichsbrücke konnten wir die Sonne genießen und durften dem Wind trotzen. Einziger Trost, für alle herrschten die gleichen Bedingungen. 6 Stunden für einen Marathon Zeit zu haben ist ein entspanntes Unterfangen, wenn man weiß, dass man unter anderen Umständen schneller laufen kann. Knapp 1,5 Stunden nach dem Start kamen wir zum Streckenpunkt, wo die Eliteläufer bereits auf die Zielgerade abbiegen mussten. Wir waren zu diesem Zeitpunkt gerade bei 11 km. Wir sind aber um 30 Minuten später als die Elite gestartet und gaben ihnen einen fairen Vorsprung.
Pace der Elite
Wenn wir schon auf die Elite treffen, können wir sie anfeuern und bestaunen. Mich hat es beim Vorbeilaufen so gejuckt mitzulaufen, dass ich mich kurzerhand entschied die Pace der Elite zu probieren. Als Platz 4 & 5 an mir vorbeiliefen, nahm ich kurz meine Beine in die Hand und beschleunigte auf ihre Geschwindigkeit. Von 8:32 min/km auf 3:15 min/km in wenigen Metern. Ich konnte sie dann auf Augenhöhe anfeuern. Begeistert waren sie nicht. Ich weiß nicht, woran es lag. Entweder weil sie kurz vorm Ziel von einer sprintenten Zitrone begleitet wurden oder weil ich sie im Laufen mit einem fetten Grinser im Gesicht anfeuerte. Warum auch immer sie nicht happy ausgesehen haben, mir hat es Spaß gemacht. Nach dem kurzen Sprint bremste ich mich wieder auf unsere gemütliche Schlussläuferpace ein.
Labestation Ströck
Bei der selbst aufgestellten Labestation von Ströck, wurde ich von meinen Schlussläuferkollegen darauf aufmerksam gemacht, dass es dort Bier gibt. Kurzerhand wurde mir ein gratis Bier gereicht. Die Damen aus dem Schlussauto haben das mitbekommen und fanden das mindestens so lustig wie ich. Der einzige Fehler dabei war, was rein geht muss auch raus. Und in meinem Zitronen-Jumpsuit war das ein langes Unterfangen. Wie dem auch sei, wir hatten ja Zeit. Also konnte ich das Bier genießen und musste einfach 1-2 WC-Pausen einlegen. Aber das timten wir auch sehr gut und machten die WC-Pausen gleich kollektiv. Das war mein zweites und letztes Bier bei diesem Marathon, mehr gab es leider nicht. In Anbetracht der Tatsache, dass ich nach dem Lauf noch mit dem Auto selbst nach Hause fahren musste, aber auch gut so.
Passt das Tempo?
Irgendwann kam die Frage bei uns auf, ob die Zeit, die wir liefen, passt. Wir waren verunsichert und dachten wir seien zu langsam. Also liefen meine Kollegen nach vor und zogen die Pace etwas an. Ich blieb stehen bzw. ging zurück in Richtung Schlussauto. Die Damen im Auto waren sehr freundlich und haben gesagt, dass wir Top in der Zeit liegen und wir alles gut im Griff haben. Wir machen das genau richtig. Wir haben gute 20 Sekunden Puffer. Damit war klar, wir machen alles richtig. Ich nahm meine Beine in die Hand und schloss wieder auf meine Kollegen mit der Nachricht, dass alles passt, auf. Bis ins Ziel behielten wir dann die Uhr im Auge und konnten fast eine Punktlandung abliefern.
Interview im Laufen
Der VCM wurde auch durch den ORF begleitet. Nach der ersten Hälfte wurden wir von den Motorrädern des ORFs eingeholt und gefragt, ob wir ein Interview während des Laufens geben können. Wir erklärten uns sofort bereit und nach kurzer Zeit der Vorbereitung für den richtigen Streckenabschnitt, waren wir im Fernsehen. Es war die Frage, warum wir als Schlussläufer laufen, meine Antwort war, es kostet sehr viel Geld und wenn man es voll auskosten will, dann sollte man die 6 Stunden auch ausnutzen und genießen. Der Interviewer war etwas verwundert ob meiner Aussage, aber ich fand es lustig. Das war ein weiteres Highlight beim Lauf.
Persönliche Betreuung
Als Schlussläufer läuft man mit den Letzten im Feld. Alle die wir eingeholt haben, egal wann, waren bereits an ihrem Limit. Sie spürten ihre Gelenke und Muskeln und wollten nur mehr ins Ziel. Je weiter sie liefen desto größer wurden die Probleme. Die Krämpfe wurden schlimmer und die Strecke schien für sie wohl nicht enden zu wollen. Dennoch bewiesen viele von ihnen ihren Kampfgeist und ihre Siegermentalität und schleppten sich ins Ziel. Glücklich und mit Tränen schafften wir es gemeinsam einige doch noch vor dem Besenwagen (Schlussauto) ins Ziel zu bringen. Schön für mich daran ist, sie haben sich bei uns bedankt, dabei war es ihre eigene Leistung. Das Training, die Vorbereitung und der Tag X. Das alles war ihre eigene starke Leistung. Wir waren „nur“ mehr der letzte Motivationsschub damit sie nicht aufhören.
Der „Zielsprint“
Wenn man so will, gab es auch bei uns einen Zielsprint. Kurz vor dem Ziel sahen wir noch Leute hinter dem Schlussauto die versuchten es irgendwie einzuholen und doch noch rechtzeitig ins Ziel zu kommen. Das war der Moment wo wir langsamer wurden und das Auto bremsten. So konnten noch wenige Läufer rechtzeitig ins Ziel kommen und sich ihre Medaille abholen. Ich persönlich fand es von Dr. Bohl auch lustig, dass er sich zum Schluss reingeschummelt hat und ins Ziel lief. An dieser Stelle möchte ich ihn herzlich zu einem ganzen Marathon einladen. Ich erkläre mich gerne dazu breit gemeinsam mit ihm einen zu laufen. Dann merkt er selbst wie es ist einen zu laufen und braucht sich nicht Wasser über sein Shirt schütten, sondern kann am eigenen Leib erleben, wie es ist mitzulaufen und nicht nur zu schummeln. Also falls du das liest, such dir einen Marathon aus und wir laufen den gemeinsam. Traust du dich? 😉
Fast vergessen
Manchmal vergesse ich, dass ich Diabetes habe. Vor allem bei einem Marathon. Meine Blutzuckerwerte waren sehr stabil. Trotz Bier und Banane konnte ich meine Werte in meinem Zielbereich halten und gemütlich durch Wien laufen. Ich bin einfach ein Fan von meinem Hybrid Closed Loop. So sorgenfrei und einfach, wie das ist, ist kaum etwas. Jetzt feiere ich dann bald 10 Jahre Diabetes und ich muss sagen, auch wenn es gekommen ist, um zu bleiben, ich habe mich angefreundet damit und gemeinsam rocken wir alles. Bisher habe ich noch nichts gefunden, wo wir uns heftig streiten. Dem Diabetesmonster wurden die Zähne gezogen und es ist fast schon ein kuscheliges Haustier. Zumindest in meiner Vorstellung 😉
Fazit
Ob ich es wieder machen werde, weiß ich noch nicht. Es ist schon lustig am Ende zu laufen und wir waren eine super Truppe. Ein Marathon bleibt aber ein Marathon. Und 42,2 km sind einfach 42,2 km. Ich würde lügen, wenn ich sage ich hätte es nicht gespürt. In ein paar Tagen laufe ich beim Zürich Marathon etwas zügiger und freue mich auch schon darauf. Die nächsten Läufe stehen im Zeichen der Vorbereitung für den Transalpin Run und zum Finden meiner Wohlfühlpace auf Distanzen um den Marathon und weiter. Es war ein cooles und schönes Erlebnis. Wie ich mich kenne, werde ich es sicher wieder machen. Also bis zum nächsten Bericht.
Warst du auch beim VCM? Wie ist es dir gegangen? Was waren deine Highlights? Schreibs doch in die Kommentare. Ich freu mich auch wenn du den Beitrag likes oder teilst. 🙂 Bis zum nächsten Mal 🙂
